Das Mondmetall
Hermes Trismegistus und die Smaragdtafel: Die Wurzeln der hermetischen Kunst
„Wie oben, so unten“ — der dreimal große Hermes, seine Smaragdtafel und warum jede unserer Flaschen im ursprünglichen Wortsinn hermetisch versiegelt ist.
Der dreimal Große
Als sich in der Antike griechische und ägyptische Welt begegneten, verschmolzen zwei Götter zu einer Gestalt: Hermes, der Götterbote und Führer der Seelen, und Thot, der ibisköpfige ägyptische Gott der Schrift, der Weisheit und des Mondes. Aus ihnen wurde Hermes Trismegistus — der „dreimal große Hermes“. Der Überlieferung nach trug er den Titel, weil er die drei Teile der Weisheit der ganzen Welt kannte: die Alchemie, die Astrologie und die Kunst der inneren Wandlung.
Unter seinem Namen entstand in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung das Corpus Hermeticum — eine Sammlung griechischer Lehrgespräche über Kosmos, Geist und Materie. Als eine Handschrift davon im 15. Jahrhundert nach Florenz gelangte, ließ Cosimo de’ Medici seinen Übersetzer Marsilio Ficino sogar die Werke Platons beiseitelegen: Erst sollte Hermes sprechen. Kaum ein Text hat die Gedankenwelt der Renaissance tiefer geprägt.
Die Smaragdtafel
Das berühmteste Vermächtnis des Hermes ist zugleich das kürzeste: die Tabula Smaragdina, die Smaragdtafel — ein Text von wenigen rätselhaften Zeilen, überliefert zuerst in arabischen Handschriften, später ins Lateinische übertragen. Ihr Kernsatz wurde zum Leitspruch der gesamten Alchemie: Was unten ist, gleicht dem, was oben ist — und was oben ist, gleicht dem, was unten ist. Und weiter heißt es dort über das eine Werk: „Sein Vater ist die Sonne, seine Mutter der Mond; der Wind trug es in seinem Bauch, seine Amme ist die Erde.“
Generationen von Alchemisten lasen die Tafel als verschlüsselte Anleitung zum Großen Werk. Auch Isaac Newton, Vater der modernen Physik, gehörte zu ihren Lesern: In seinem Nachlass fand sich eine eigenhändige englische Übersetzung der Smaragdtafel.
Hermetisch versiegelt — wörtlich
Die Alchemisten nannten ihr Handwerk die hermetische Kunst — nach ihrem legendären Ahnherrn. Und sie hinterließen der Sprache ein Wort, das jeder kennt: Wer ein Glasgefäß luftdicht verschmolz, damit nichts entweichen und nichts eindringen konnte, versah es mit dem „Siegel des Hermes“ — er verschloss es hermetisch. Jedes Mal, wenn heute etwas „hermetisch abgeriegelt“ ist, klingt die Werkstatt der Alchemisten nach.
Dieses Erbe nehmen wir wörtlich: Jede unserer Flaschen wird von Hand in Violettglas abgefüllt und hermetisch verschlossen, damit die Ladung der Kolloide bewahrt bleibt — das Siegel des Hermes, übersetzt in die Gegenwart.
Wie oben, so unten — im Kolloid
Man muss kein Alchemist sein, um die hermetische Entsprechung in einer kolloidalen Lösung zu sehen. Das Gold in der Flasche wurde in kollidierenden Sternen geboren — oben — und schwebt nun als feinster Staub im Wasser — unten. Sonne und Mond der Smaragdtafel tragen bei uns die Namen der beiden ältesten Metalle: Sol, das Gold, und Luna, das Silber. Und wie im Großen die Planeten ihre Bahnen ziehen, tanzen im Kleinen die Teilchen ihre Brownsche Bewegung — jedes ein Spiegel des Ganzen.